Expertenwissen

Marianne Rapp Ohmann im Interview mit Thomas Griesser Kym, St.Galler Tagblatt über Münzen und Marken als Anlage, neue Käufer aus dem Osten und Vorteile der Familien-AG.

Frau Rapp, vor dem Hintergrund der Euroschuldenkrise und volatiler Börsen bezeichnen Sie Briefmarken und Münzen als «alternative Anlagemöglichkeit». Für wen?

Vor allem für Sammler mit dem nötigen Kleingeld. Einige unserer Kunden legen einen bedeutenden Teil ihres Vermögens an der Börse an, aber eben nicht alles. Sie investieren auch in Marken und Münzen, oft auch in Kunst und Wein.

Seltene Marken und Münzen sind heute aber schon recht teuer.

Die Schere öffnet sich immer mehr. Standard und Mittelmass wird nicht teurer, sondern ist in den letzten Jahren eher günstiger geworden. Aber Raritäten, gut erhalten, etwa auf einem schönen Brief, erzielen gute Preise.

Gute Preise – oder überteuerte wie vor rund 30 Jahren?

Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre wurden für seltene Marken extrem hohe Preise bezahlt, bevor es zu Korrekturen kam. 1980 haben wir auch unseren Umsatzrekord erzielt mit über 33 Millionen Franken an einer einzigen Auktion. Das ist nicht so schnell zu toppen. In den letzten Jahren haben sich die Preise aber insgesamt sehr stabil oder leicht steigend entwickelt. Ausserdem sind Briefmarken weniger volatil als Aktien.

Ein klassischer Fall ist es, wenn Ihnen Erben eines Sammlers dessen Sammlung zur Versteigerung überantworten. Wie läuft das ab?

In den allermeisten Fällen wissen die Erben um eine ungefähre Grössenordnung des Werts einer Sammlung. Dann lassen sie diese von uns schätzen. Wer das tut, hat meist bereits schon zuvor entschieden, dass die Sammlung unter den Hammer kommen soll.

Finden sich unter den Bietern mehr Sammler oder Händler?

Sammler sind in der Mehrzahl. Wir sind spezialisiert auf die Versteigerung grosser Sammlungen. Wer als Händler bietet, versucht die Sammlung aufzulösen und in Teilen weiterzuverkaufen.

Wie kommt überhaupt die Preisbildung bei Raritäten zustande?

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Heutzutage läuft der Markt vor allem bei sehr teuren und speziellen Sammlungen über internationale Auktionshäuser. Früher spielten Briefmarkenhändler eine grössere Rolle.

Sie sprechen von einer «neuen Käufergeneration» und «ganz neuen Käuferschichten» aus Asien und Russland. Hilft das dem Markt?

Unserer Branche mangelt es ja an Nachwuchs. Insofern tut es dem Markt gut, dass er geographisch expandiert. In Asien sind Briefmarkensammler sehr angesehen, auch aus kulturellen Gründen. Briefmarkenausstellungen in China werden von Tausenden Menschen gestürmt. Die Russen wiederum sind absolute Patrioten. Russische Sammler kaufen in erster Linie russische Sammlungen, um diese zu repatriieren.

Sie führen alle 18 Monate eine Auktion durch, Mitbewerber von Ihnen haben eine höhere Kadenz. Warum dieser Unterschied?

Wir lassen uns lieber etwas mehr Zeit und kommen dafür jeweils mit einem Topangebot. Das zieht auch viele Interessenten an, und das schafft Stimmung bei den Geboten, was sich positiv auf die erzielten Preise auswirkt.

Als Familien-AG sind Sie «völlig frei von fremden Einflüssen»; «diese Autonomie hat für den Kunden beträchtliche Vorteile». Welche?

Bei uns weiss der Kunde mit wem er es zu tun hat. Unser Haus hat 45 Jahre Erfahrung mit Auktionen. Ansprechpartner ist die Familie Rapp, wir stehen ein mit unserem Namen.

Und wie kann es bei einem fremdbestimmten Auktionshaus sein?

Ein Schweizer Konkurrent von uns gehört einer US-Gruppe, die in einen Finanzskandal involviert war. Mit wem hat man es da zu tun? Was läuft im Hintergrund ab? Alles Fragen, auf die der Kunde kaum Antwort findet.

Bei Ihren Auktionen kann man im Internet mitbieten. Was halten Sie davon, Marken auf Plattformen wie eBay oder Ricardo zu ersteigern?

Da muss man schon sehr viel verstehen, um sicherzugehen, dass man für sein Geld den entsprechenden Gegenwert erhält.

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